Innovationen

27 Juni 2017Simone Treibenreif

Smart Living in Südtirol

Fast ein Fünftel aller EU-Bürger sind mehr als 65 Jahre alt, Tendenz weiter steigend. Um älteren Menschen ein selbstbestimmtest und aktives Leben zu ermöglichen – und damit die Gesellschaft von Betreuungsaufgaben zu entlasten – wird die Entwicklung und Erprobung von smarten Lösungen immer wichtiger. Auch in Südtirol arbeiten verschiedene Akteure an neuen, innovativen und vernetzten Technologien.

19 Prozent der EU-Bevölkerung ist heute schon älter als 65 Jahre – Tendenz steigend. Ältere Menschen werden unsere Gesellschaft also zunehmend prägen.

Die „demografische Zeitbombe“ tickt. Dieses Phänomen wird durch die stark schwindende Geburtenrate und die immer älter werdende Bevölkerung in vielen Ländern Europas geprägt. Dank besserer Lebensbedingungen und medizinischen Fortschritts werden immer mehr Menschen älter als 80 Jahre: In der EU wuchs ihre Zahl zwischen 2005 und 2015 laut „Statistischem Bundesamt“ (Destatis) um mehr als ein Drittel von 20 auf 27 Millionen an. Rund 96 Millionen in der EU lebende Menschen waren zu Jahresbeginn 2015 älter als 65 Jahre, ein Anteil von 19 Prozent der gesamten Bevölkerung; 2005 waren es noch 82 Millionen bzw. 17 Prozent. „Ältere Menschen werden unsere Gesellschaft zunehmend prägen“, heißt es dann auch in der Destatis-Publikation „Ältere Menschen in Deutschland und der EU“ (2016).

Ziel: Möglichst lange selbstbestimmt und selbstständig in den „eigenen vier Wänden“ leben

Für viele dieser älteren Menschen ist es wichtig, möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in den „eigenen vier Wänden“ führen zu können – was zugleich die Gesellschaft bei der Betreuung entlasten würde. Dabei kann der Einsatz sogenannter technischer und wohnraumintegrierter Assistenzsysteme helfen, vernetzter und fernsteuerbarer Geräte, die in Wohnungen und Häusern installiert werden.

Diese assistierenden Systeme werden als AAL-Systeme bezeichnet. AAL steht für „Active/Ambient Assisted Living“, zu Deutsch in etwa „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben“. Es gibt sie beispielsweise in den Bereichen Sicherheit, Komfort oder Unterhaltung. Genutzt werden dabei eine Vielzahl von Technologien aus dem Segment „Smart Home“, auch bekannt als intelligentes Wohnen, eHome oder Smart Living. Zum Beispiel gibt es AAL-Systeme, die erkennen, dass eine Person am Boden liegt – etwa weil sie zu Sturz gekommen ist und es nicht mehr alleine auf die Beine schafft – und dann Alarm schlagen bzw. Hilfe rufen.

Das Statistikportal „Statista“ prognostiziert für das Segment „Ambient Assisted Living (AAL)" jährliche Wachstumsraten von mehr als 55 Prozent – von 858 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2017 auf mehr als fünf Milliarden Euro 2021.

Eine der großen Herausforderungen bei der Entwicklung solcher AAL-Systeme oder vielmehr: der zugehörigen Geräte ist, dass sie in ihrer Anwendung so gestaltet sein müssen, dass die Nutzer auch damit umgehen können. Diese Einschränkung gilt weniger für die zukünftige „Silver Generation“ als vielmehr für die jetzige, für die viele moderne technische Möglichkeiten und Anwendungen vielfach fremd sind.

Zu den Hindernissen bei der Weiterentwicklung des Segments zählen zudem die Netzabdeckung bzw. die nötigen leistungsstarken Internetverbindungen, die noch nicht allerorts vorhanden sind. Doch an der Lösung dieses „Problems“ wird nicht nur in Südtirol angestrengt gearbeitet.

Ebenso wie hierzulande auch an einigen neuen innovativen Lösungen im Bereich Smart Living Technologies für ältere Mitbürger gearbeitet wurde und wird. Häufig werden Projekte dieser Art von öffentlichen und privaten Einrichtungen – Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Endanwenderorganisationen – gemeinsam durchgeführt, und von der Europäischen Union sowie nationalen Förderstellen finanziell unterstützt.

Eine Uhr für den Notfall

So ging beispielsweise aus einer Zusammenarbeit des Instituts für Public Management von Eurac Research (Bozen), des Instituts für Strategisches Management, Marketing und Tourismus der Universität Innsbruck sowie weiteren internationalen Partnern die Notfalluhr 2PCS (Personal Protection and Caring System) hervor. „Zugrunde liegt dieser ein mobiles und universell einsetzbares Service- und Notrufsystem, das eigens entwickelt wurde. Dieses umfasst vielfältige Lokalisierungs- und Kommunikationsfunktionen für verschiedene Lebensphasen sowie für Pflege- und Betreuungsstrukturen“, erklärt Eurac-Resarch-Forscherin Sonja Vigl. 2PCS wird derzeit – mit finanzieller Unterstützung des Programmes „Markt.Start“ der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG – zu Markt- bzw. Serienreife gebracht.

Im Auftrag der FFG entwickelten Eurac Research und Universität Innsbruck dann – gemeinsam mit der Synyo GmbH aus Wien als Leadpartner (ist im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie – ITK tätig) – den Online-Produktkatalog „AAL-Products.com“, der aus der Studie TAALXONOMY hervorgegangen ist. „Taalxonomy ist ein einfaches und intuitives Kategorisierungssystem von AAL-Produkten und -Dienstleistungen“, erklärt Vigl. „Dieses bildet die Grundlage für unseren Onlinekatalog, in dem Anbieter ihre assistiven und smarten Technologien platzieren und Anwenderorganisationen die passenden Lösungen für ihren Bedarf finden können.“

Auch „gAALaxy – The universal system for independent and interconnected living“ ist eine Zusammenarbeit von Eurac Research und Universität Innsbruck sowie weiteren Partnern aus Belgien, Österreich und Italien.

Das Projekt gAALaxy wird vom Joint Programme AAL der Europäischen Union gefördert – so wie es auch 2PCS wurde. Mit diesem Programm, die ein selbstständiges Leben im Alter fördern. Die Projekte müssen von Partnern aus mindestens drei Ländern und immer im Mix zwischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Anwenderorganisationen durchgeführt werden. „Ziel von gAALaxy ist die Entwicklung einer Schnittstelle zur Steuerung verschiedener AAL-Geräte und Smart-Home-Systeme in der Wohnung älterer Menschen, die einheitlich und komfortabel verwendbar ist, zugleich aber auch leicht zugänglich und leistbar für alle“, erklärt Ines Simbrig, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Eurac. In das gAALaxy-Bündel integriert werden soll übrigens auch die Notfalluhr 2PCS. Derzeit wird am gAALaxy-Prototypen gefeilt, schon in Kürze soll dieser in Testhaushalten erprobt werden.

Das System „LISA – Living independently Südtirol Alto Adige“ wurde indes bereits einige Monate lang von Probanden in einer Versuchswohnung im Seniorenwohnheim von Deutschnofen im Eggental getestet. „Lisa“ wurde in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München und dem Berliner Institut für Sozialforschung ausgearbeitet, von MM Design ausgeklügelt und von fünf Südtiroler Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben umgesetzt. Unterstützt wird das Projekt zudem von zwei Südtiroler Einrichtungen: dem Wirtschaftsverband für Handwerk und Dienstleister (lvh) und der Stiftung St. Elisabeth, die in der Betreuung und Pflege sowie der Erwachsenenbildung tätig ist.

System Lisa: „Technik soll unterstützend wirken und im Hintergrund viel Arbeit abnehmen“

In der Lisa-Modellwohnung haben Probanden intelligente Unterstützungssysteme für Schlafzimmer, Badezimmer, Küche und Garderobe ausprobiert. „Lisa bietet funktionale, intelligente und vernetzte Möbel, die über physische und technische Assistenzfunktionen verfügen. Alle Funktionen sind modularisiert, das heißt sie können je nach Bedarf des Benutzers dem Basismöbel zugeschaltet und so an die jeweiligen Bedürfnisse und eventuellen Einschränkungen angepasst werden. Das bedeutet aber nicht, dass unsere Senioren keine Unterstützung durch andere Menschen und keine Pflege mehr bekommen sollen, weil die Technik ihnen alles abnimmt – im Gegenteil – die Technik soll unterstützend wirken, sie soll im Hintergrund viel Arbeit abnehmen“, erklärte Projektleiterin Christine Pfeifer bei der Vorstellung des Projekts.

Wie eine erste Auswertung der Testphase ergab, empfanden die Probanden die Sturzdetektion sowie die Vernetzung verschiedener Systeme (zum Beispiel Blutdruckmessung, Notruf in Folge eines Sturzes) mit dem Fernseher als besonders wichtig. Nun werden die Ergebnisse der Praxistests wissenschaftlich ausgewertet und sollen dann für die Weiterentwicklung des Projektes genutzt werden.

Für das Netzwerk „Care4Tech – Cross-sectoral Alliances for Smart Living“, eine Zusammenarbeit von öffentlichen Behörden, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Zivilgesellschaft aus sechs Ländern des Alpenbogens dagegen wurde erst Mitte Mai der Startschuss gegeben, und zwar im Rahmen einer Kickoff Conference beim Projektpartner IDM Südtirol in Bozen.

Bei Care4Tech geht es darum, das Potenzial von Smart Living Technologies für die Alpenregion auszuloten. Es soll dabei jedoch nicht nur um Unterstützung für ältere und/oder pflegebedürftige Menschen gehen, sondern auch um Bereiche wie Verkehr (Überwachung, Steuerung) oder Landwirtschaft.

„Smart Living Technologies haben ein echtes Potential, die Zukunft des alpinen Raumes mitzugestalten“, kann man auf der Projekt-Homepage lesen. Die Möglichkeiten in der Entwicklung und Nutzung smarter Technologien werden demnach als groß eingeschätzt, ebenso wie die Voraussetzungen dafür, dass sich im Alpenbogen eines der führenden Zentren in dem Segment entwickeln kann. Die Umsetzung dieses Ziels könnte allerdings durch die Fragmentierung von Forschungs-, Technologie- und Innovationseinrichtungen in sowie zwischen den Ländern gebremst werden – deshalb die Gründung des Netzwerks.

Nun haben sich die elf Projektpartner in einem ersten Schritt dazu verpflichtet, dass jeder von ihnen mindestens zehn innovative Unternehmen aus der Herkunftsregion in das Netzwerk einbinden wird.

Wachstumsraten von 55 Prozent im Segment AAL

Mit Hilfe von Care4Tech soll Südtirol als Wirtschaftsstandort weiter aufgewertet und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes gesteigert werden. Ein ehrgeiziges, aber durchaus umsetzbares Ziel – besonders wenn bedacht wird, dass der Umsatz im Bereich AAL laut Fachleuten in den nächsten Jahren deutlich steigen wird. Das Statistikportal „Statista“ prognostiziert für das Segment jährliche Wachstumsraten von mehr als 55 Prozent – von 858 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2017 auf mehr als fünf Milliarden Euro im Jahr 2021.

 

Fact Sheet

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