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9 November 2016Luca Sticotti

Eukalyptus, Bambus und Hightech für massentaugliche Ökomode

Gestern Start-up, heute europaweit bekannt: Re-Bello betritt Neuland. Das junge Label gerbt Leder mit Olivenblättern, engagiert eine international gefeierte Art-Direktorin für seine Ökomode – und bleibt in der Südtiroler Kleinstadt Leifers: „Was sollen wir in Mailand? Unser Mehrwert ist Südtirol.“

Massentaugliche Ökomode, nach den neuesten Forschungsergebnissen im Bereich nachhaltige Textilien, zu hundert Prozent ökologisch, aber nach pragmatischen Grundsätzen produziert: Das ist die Philosophie von Re-Bello, einem Südtiroler Unternehmen, das in Leifers bei Bozen nicht nur gegründet wurde, sondern auch bleiben will. „Warum wir hier nicht weg wollen? Auf diese Frage antworte ich immer, dass es reicht, das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen, um den Grund zu verstehen“, lächelt Daniel Sperandio, einer der drei Mittzwanziger, die sich 2012 in dieses Abenteuer stürzten. Der Start gelang dank der ersten zwei Business Angels, die an die Idee glaubten und 150.000 Euro in das Vorhaben investierten.

Eco Fashion für alle, ökologisch, aber pragmatisch

Die Anregung kam von Daniel Tocca. „Emanuele und ich waren in Mailand, er studierte Finanzwirtschaft, ich Marketing, während Daniel in Rotterdam war, um Unternehmensgründung zu studieren“, erzählt Sperandio. Nach einer Reihe von Brainstorming-Sessions entstand die Idee, nachhaltige Mode zu produzieren. „In den Niederlanden hatte Daniel diesen Trend entdeckt, aber uns war auch klar, dass es sich um Nischenprodukte mit einem ganz bestimmten Zielpublikum handelte, wie etwa Greenpeace-Aktivisten. Wir hingegen wollten nachhaltige Mode zum Massenphänomen machen, denn Grün ist heute keine politische Richtung mehr, in gewisser Weise sind wir alle Grüne und das ist auch richtig so.“

„Viele haben uns geraten, mit unserem Produkt nach Mailand zu gehen, aber das ergibt für uns keinen Sinn. Wir denken, auch in Zukunft gibt es keinen besseren Ort als Südtirol, um eine Philosophie wie die unsere zu vermitteln.“

Von Anfang an hob sich Re-Bello dadurch ab, dass die Marke ausschließlich nachhaltige Mode produziert. Sperandio erklärt stolz: „Wir sind keine Marke, die ‚auch‘ eine ökologische Linie herstellt oder nur ein Modell oder die vielleicht einen von tausend Stoffen nachhaltig produzieren lässt – wir sind zu 100 Prozent ökologisch, aber wir sind Pragmatiker.“ Was das bedeutet, ist schnell erklärt: Auch im jungen Sektor der Ökomode gibt es radikale Vertreter. „Radikalismus ist aber an sich innovationsfeindlich“, bemerkt der Mitgründer von Re‑Bello. Welche Wege also geht Re‑Bello, um innovative Kleidung zu produzieren?

Neue Horizonte bei Fasern und Stoffen

Öko heißt nicht nur Bio-Baumwolle, im Gegenteil: Die Stoffe von Re-Bello entstehen aus verblüffenden Rohmaterialien wie Bambus und Eukalyptus. „Eukalyptus ist ein Baum, der überall wächst und das extrem schnell; er wird in sieben Jahren 20 Meter hoch“, präzisiert Sperandio und streift damit gleich mehrere Aspekte der neuen Definition von Nachhaltigkeit. So benötigt Eukalyptus, im Gegensatz zur Baumwolle, sehr wenig Wasser. Außerdem gedeiht dieser Baum aus Ozeanien auch auf Böden, die zur Nahrungsmittelproduktion ungeeignet sind – ein großer Vorteil, so Sperandio: „In Zukunft werden wir immer mehr Anbauflächen für Nahrungsmittel benötigen, weil die Weltbevölkerung wächst. Eine nachhaltige Herstellung von Textilien wird also immer wichtiger, sonst müssen wir uns bald alle in Erdöl kleiden.“ Doch von der Umweltethik ist der Weg zum betriebswirtschaftlichen Denken nicht weit: „Auf sechs Quadratmetern wächst Baumwolle für ein T-Shirt – auf derselben Fläche kann man aber Eukalyptus für zehn T-Shirts anpflanzen.“

Auf 6 Quadratmetern wächst Baumwolle für ein T-Shirt – auf derselben Fläche kann man aber Eukalyptus für zehn T-Shirts anpflanzen.

Ein Verhältnis von zehn zu eins ist zweifellos ein gutes Argument. Hinter den Textilien aus Eukalyptus steht eine Technik, die der österreichische Hersteller Lenzing unter dem Markennamen Tencel vertreibt. Auch das Herauslösen der Zellulose aus dem Holz und das Spinnen der Faser erfolgen auf absolut nachhaltige Weise. Anstelle chemischer Lösungen werden natürliche Enzyme eingesetzt; das verwendete Wasser kann zu 99,99 Prozent wiedergewonnen, gereinigt und in den Herstellungsprozess zurückgeführt werden. Es handelt sich also um einen geschlossenen Kreislauf.

Nicht nur öko, sondern auch schön und bequem

Doch sind Textilien aus alternativen Fasern auch konkurrenzfähig, was Ästhetik und Passform angeht? Sperandio bejaht entschlossen und weist darauf hin, dass nachhaltige Textilproduktion nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Verbraucher von Vorteil ist. Bei den Materialien, die Re-Bello einsetzt, handelt es sich durchwegs um äußerst bequem zu tragende, weiche und atmungsaktive Stoffe. Doch: „Solange man Jerseys oder Sweatshirts entwirft, ist das eine Sache, will man aber Jacken und Mäntel machen, muss man sich auch nach Materialien umschauen, die zumindest bis zu einem gewissen Grad wasserdicht sind“, erklärt Sperandio und nennt auch gleich den Schlüsselbegriff: Es ist das Recycling-PET, das Re-Bello in der Linie PET NewLife einsetzt.

PET New Life

Dazu stellt der Mitgründer von Re-Bello von vornherein klar: „Es handelt sich dabei nicht um Recycling-PET aus China, das unter Einsatz von Chemie hergestellt wird. Unser Recycling-PET stammt aus der norditalienischen Mülltrennung und wird in Saluzzo auf mechanische und daher völlig umweltverträgliche Weise getrennt, zerkleinert und recycelt. Der Stoff, der daraus entsteht, ist wunderschön und eignet sich für Jacken und auch für wattierte Kleidungsstücke. Die PET-Textilien gehören zweifellos zu unseren Glanzstücken.“

Internationale Attraktivität

Was den Innovationsgrad betrifft, steht Re-Bello in seinem speziellen Bereich international fast ohne Konkurrenz da. Es gibt aktuell einige Marken, die ökologische Kleidung produzieren, doch diese konzentrieren sich sehr auf Bio-Baumwolle und sind – so Daniel Sperandio – „sehr konservativ in ihrem Stil, ein wenig … traditionell“. Stilistisch sieht Re-Bello gewisse Parallelen zwischen sich und der Mode von Stella McCartney, aber eben nur gewisse. Sperandio legt Wert auf die Eigenständigkeit der ehrgeizigen jungen Firma: „Wir sind aber vielleicht noch innovativer. Und unsere Preise sind erschwinglicher.“

Re-Bello gelang es, Ivana Omazic nach Südtirol zu holen, die bereits als Art-Direktorin für große internationale Modehäuser gearbeitet hat. 

Einen großen Schritt nach vorne hat Re-Bello mit der Art-Direktorin Ivana Omazic gemacht, die bereits die Frühling/Sommer-Kollektion 2016 und die aktuelle Winterkollektion entworfen hat. Sperandio ist stolz darauf, für Re-Bello die berühmte Art-Direktorin gewonnen zu haben, die bereits mit Maison Martin Margiela, Céline und Miuccia Prada gearbeitet hat. „Sie bringt eine Unmenge an Wissen und Erfahrung mit und war sehr beeindruckt von unseren Stoffen“, sagt Sperandio. Jedenfalls hat sich die Designerin in das Projekt Re-Bello verliebt und ist dabei, einen Vertrag für die nächsten fünf Saisons zu unterschreiben – eine echte Wachstumsgarantie für die junge Südtiroler Firma.

Die Zukunft von Re-Bello

Mit Ivana Omazic als Art-Direktorin konnte Re-Bello seinen Umsatz erneut verdoppeln; zum Jahresabschluss 2016 rechnen die drei Unternehmer mit 1,5 Millionen Euro. Die junge Firma, die ihren Sitz vor den Toren Bozens in Steinmannwald in Leifers hat, will nun weiterwachsen und dazu eine nächste Finanzierungsrunde starten, um die ersten eigenen Läden zu eröffnen und so direkt mit ihren Kunden in Kontakt zu treten. Dank der heutigen Technik wird die Kollektion von Re-Bello in Kroatien designt und in Mailand verkauft; das Lager für den Vertrieb befindet sich in Tombolo in der Provinz Padua. Doch Kopf und Herz der Firma sollen weiterhin in Südtirol bleiben, so der erklärte Wunsch der drei Gründer Daniel Tocca, Daniel Sperandio und Emanuel Bacchin. „Mailand mag die Hochburg des italienischen Designs sein, doch unsere Labors, Färbereien usw. stehen in Venetien. Mailand ist zweifellos wichtig, damit man bekannt wird. Doch für uns gibt es auch in Zukunft keinen besseren Ort als Südtirol, um eine Philosophie wie die unsere zu vermitteln.“

Neue Dimensionen der Nachhaltigkeit

Kürzlich hat Re-Bello eine Linie von Kleidungsstücken aus Leder lanciert – und betont, dass das Rohmaterial ein Abfallprodukt der Fleischerzeugung ist. Allerdings wird Leder für die Bekleidungsindustrie meist mit Hilfe von Chrom, anderen Schwermetallen und viel Chemie gegerbt. Re-Bello verwendet ausschließlich Leder, das dank einer innovativen deutschen Technik mit einem Sud aus Olivenblättern gegerbt wird, den man sogar verkosten kann. Und die Rinder für die Lederkollektion werden in bäuerlichen Betrieben auf der Schwäbischen Alb gezogen – keine Massentierhaltung, versichert Sperandio. Eine weitere Material-Innovation von Re-Bello ist eigentlich nichts anderes als eine Rückkehr zur Tradition. Die Winterjacken aus PET NewLife sind nicht mit Daunen oder synthetischen Vliesen wattiert, sondern mit Bergwolle (Tirol Wool). Diese sehr grobe Wolle wird heute vor allem für traditionelle Mode und auf dem Bau verwendet. Sie ist ein viel zu wenig geschätzter und genutzter Rohstoff: Allein die Hälfte der vielen Tonnen Bergwolle, die in Südtirol jedes Jahr bei der Schafschur anfallen, wird in Verona als Sondermüll verbrannt. Dieser unsinnigen Verschwendung will Re-Bello einen Riegel vorschieben. „In Südtirol war das, ehrlich gesagt, nicht so einfach, so dass wir uns an schon bestehende Strukturen in Nordtirol gewandt haben“, erklärt Daniel Sperandio. Die Wolle wird erst gereinigt, dann nach Biella geschickt und dort mit Ozon behandelt. Dieser ökologische Vorgang glättet die Schuppen, die dafür verantwortlich sind, dass Wolle verfilzt, wenn sie mit Wasser in Berührung kommt. Schließlich wird in Cittadella das Vlies hergestellt, mit dem die Winterjacken von Re-Bello wattiert sind. In diesem Fall hat das Unternehmen also nichts Neues erfunden, sondern versucht, eine lokale Tradition wieder aufleben zu lassen, die fast vergessen war.

Fact Sheet

Eine schöne und revolutionäre Idee

Re-Bello wurde 2012 von drei jungen Südtirolern gegründet: Daniel Tocca, Daniel Sperandio und Emanuele Bacchin trafen sich nach ihrer Ausbildung in verschiedenen Teilen Europas wieder in ihrer Heimat und entwickelten dort die Idee eines zu 100 Prozent nachhaltigen und gleichzeitig stilistisch anspruchsvollen Modelabels. Der Name Re-Bello setzt sich aus Re für revolutionär und Bello für die Schönheit zusammen, die auch bei ökologischer Mode nicht zu kurz kommen darf.

 

Kapitalfindung und Unterstützung durch das Land Südtirol

Das Projekt wurde mit einem Grundkapital von 10.000 Euro gestartet, doch fast sofort fanden die Gründer zwei Business Angels, die 150.000 Euro zur Verfügung stellten. Zusätzlich gewann Re-Bello 2013 200.000 Euro bei einem Start-up-Förderwettbewerb des Landes Südtirol für innovative High-Tech-Unternehmen mit gutem Mehrwertpotenzial. Diese Investitionen ermöglichten es Re-Bello, die ersten T-Shirts und Sweatshirts an 100 Läden zwischen Amsterdam und Rom zu liefern. Der erste Jahresumsatz lag bei 250.000 Euro, doch schon 2014 brachte die zweite wichtige Finanzierungsrunde 500.000 Euro von LVenture Group und Italian Brand Factory. Dank dieser Finanzspritze konnte Re-Bello in den E-Commerce einsteigen und mit Ivana Omazic eine Designerin der ersten Riege gewinnen, um das Angebot auf zwei Vollkollektionen für Damen und Herren zu erweitern. 2015 betrug der Umsatz 770.000 Euro; für den Jahresabschluss 2016 rechnet die Firma mit 1,5 Millionen Euro Umsatz.

 

Ziele

Den Gründern von Re-Bello schwebte nichts Geringeres als die Revolution der Modewelt vor, als sie beschlossen, ein Label für all jene vorzustellen, die an die Macht der kleinen Schritte glauben. Die Grundlage ihrer Mode bildet eine sorgfältige Auswahl von Materialien, die höchsten Ansprüchen genügen und nachhaltig produziert sein müssen. Re-Bello verfolgt keinen radikalen, sondern einen pragmatischen Ansatz: Hochwertige Materialien und ein prägnantes Design führen zu einer idealen Verbindung von Nachhaltigkeit, Schönheit und Freiheit. Der kraftvolle Charakter der Marke überzeugte auch Ivana Omazic (Margiela, Miu Miu, Céline, Prada), die seit der Frühling/Sommer-Kollektion 2016 als Art-Direktorin für Re-Bello gewonnen werden konnte.

 

Der Erfolg von Re-Bello

Das Unternehmen aus Steinmannwald in Leifers hat sich in seinen ersten fünf Jahren international einen einzigartigen Ruf erarbeitet: als authentisches Öko-Label, das Design mit Nachhaltigkeit und Transparenz zu vereinen weiß. 2017 will sich Re-Bello ebenso wie 2016 auf weiteres Wachstum konzentrieren; dazu könnte die Eröffnung einer Reihe von eigenen Geschäften in den wichtigsten europäischen Städten gehören, auch jenseits des Ozeans soll sich die Botschaft der stylishen Ökomode weiter verbreiten. Das Herz der ambitionierten Marke allerdings wird stets in Südtirol schlagen, versichern die drei jungen Firmengründer.