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8 Februar 2017IDM

Thimus: Neurowissenschaft trifft Natur

Mit innovativen Methoden, um das Verhalten von Konsumenten und Unternehmern zu studieren, kam eine Forschergruppe aus Brescia nach Südtirol. Dort wird nun in einem Bauernhof mitten im Grünen weitergeforscht.

In der Ruhe der Natur hat die Neurowissenschaft ihr Zuhause gefunden – den perfekten Ort, um unternehmerische Kreativität hervorzubringen und um zu erkunden, wie Konsumenten Produkte und Dienstleistungen wahrnehmen. Kurz: um das menschliche Gehirn zu erforschen.

Genau das macht die Firma Thimus, gegründet von einer Forschergruppe aus Brescia: Sie untersucht die neuronalen Prozesse, die Verbraucherentscheidungen leiten. Dieses Wissen wendet Thimus im Auftrag seiner Kunden an, um die Bedürfnisse der Konsumenten genauer befriedigen zu können. Es geht aber nicht nur um Marketing: Das Know-how lässt sich auch für Produktionseffizienz, Design und Architektur anwenden.

Seit rund einem Jahr hat Thimus seinen Sitz in Südtirol. Hier will die Firma Patente für neue Anwendungen für wearable devices entwickeln und dafür das Potenzial kognitiver Funktionen nutzen. Die Entscheidung, mit dem Unternehmen nach Südtirol umzuziehen, war allerdings eher der Lebensphilosophie der Gründer geschuldet: „Wir wollten hierher kommen, weil die Lebensqualität hier so hoch ist: Es gibt hier eine Balance zwischen Privat- und Berufsleben, die sich auch auf die Leistung positiv auswirkt“, erklärt Andrea Bariselli, Mitgründer von Thimus, der an der Universität Padua klinische Psychologie studiert hat. „Hier haben wir mehr Zeit, um entspannter zu arbeiten, ohne dass das Produkt darunter leidet. Schließlich ist das Gehirn eine langsame Maschine.“

„Wir wollten nach Südtirol kommen, weil die Lebensqualität hier so hoch ist: Es gibt hier eine Balance zwischen Privat- und Berufsleben, die sich auch auf die Leistung positiv auswirkt.“

Andrea Bariselli

„Südtirol ist sehr traditionsverbunden, aber auch sehr innovationsfreudig“, ist das Fazit Barisellis. „Eine der Stärken des Landes ist die Effizienz der öffentlichen Verwaltung: Antworten erhält man hier schnell und zuverlässig.“ Zum Beispiel von der Standortagentur BLS, die vor Kurzem in IDM Südtirol aufgegangen ist: „Die Agentur hat uns wortwörtlich an die Hand genommen und uns geholfen, uns in dieser Region zu bewegen, die eine ganz andere Kultur und einen anderen Hintergrund hat als den, aus dem wir kommen. Und das als kostenlose, vom Land finanzierte Dienstleistung“, betont Bariselli.

Seit September 2015 ist Thimus in Bozen, schon im Sommer 2016 war der letzte Papierkram erledigt. „Wir hätten es auch schneller haben können, doch wir wollten die Dinge so ruhig wie möglich angehen“, so der Thimus-Gründer. „Wir sind begeistert von den unternehmerischen Möglichkeiten dieses Landes, das eine Schnittstelle zwischen Italien und Mitteleuropa darstellt und sich wirtschaftlich schneller entwickelt als andere Regionen Italiens. Entscheidend sind für uns natürlich auch die umfangreichen Forschungsfördergelder, die hier zur Verfügung stehen.“

Am Gehirn nach Konsumentenwünschen forschen

Thimus nutzt Eye-Tracking, eine Art Wärmebild, das zeigt, wo der Blick hängenbleibt, und zeichnet per Elektroenzephalografie Alpha-Wellen auf, die positive Gedanken und Wohlbefinden anzeigen.

Was genau macht Thimus also? Das Unternehmen nutzt Methoden und Erkenntnisse der Neurowissenschaften, um biometrische Daten zu sammeln (Herzschlag, Atemfrequenz, Elektroenzephalografie, elektrodermale Aktivität etc.). Damit erfasst Thimus die emotionale und kognitive Reaktion auf ein Produkt oder eine Erfahrung. „Wir messen die Reizreaktion unserer Probanden innerhalb der ersten 500 Millisekunden, also noch bevor das Bewusstsein eingreift. Dadurch kommt es nicht zu Verzerrungen, wie sie bei traditionellen Befragungen unvermeidlich sind“, erklärt Bariselli. Die Daten werden dann über Algorithmen analysiert.

Thimus nutzt Geräte wie einen Elektroenzephalografen, der Gehirnwellen misst – etwa Alpha-Wellen, die positive Gedanken und Wohlbefinden anzeigen. Je nachdem, in welchem Teil des Gehirns diese auftreten, geben sie Aufschluss über die Emotionen, die eine Erfahrung im Probanden auslöst. „Nur was messbar ist, kann man verbessern“, so der Thimus-Mitgründer. Seine Kunden erhalten die Ergebnisse nach etwa 15 Tagen in Form eines Berichts, der ihnen hilft, ihre Produkte auf die Interessen der Konsumenten abzustimmen. „Für unsere Kunden bedeutet dies, Bedürfnisse im Voraus zu erkennen und so im Marketing einiges einsparen zu können“, erklärt Bariselli.

Zu diesen Kunden zählen etwa Restaurants, Weinproduzenten, Designer von Gebrauchsartikeln, Raumgestalter, Webdesigner, Food- und Verpackungsdesigner sowie Fluggesellschaften. Doch der erste und immer noch stärkste Einsatzbereich ist das Hotel- und Gastgewerbe: Thimus trägt zur Verbesserung des Angebots zahlreicher Südtiroler Hotels bei, vor allem im Bereich Beleuchtung, Einrichtung und Renovierung.

Ein Bauernhof im Dienste der Wissenschaft

Zur „Feinabstimmung“ lädt Thimus seine Kunden auf den firmeneigenen Bauernhof mitten im Grünen ein, wo sie einige Tage lang fernab des Alltags an ihrem Projekt arbeiten können. Ohne Ablenkung durch Handys und E-Mails sind Analysen und Diskussionen hier besonders effizient, die Kunden können sich rund um die Uhr auf ihre Ziele konzentrieren und ganz in die Möglichkeiten dieser Technologie eintauchen – aber auch Sport treiben und Südtiroler Leckerbissen verkosten. Dieses Intensivprogramm wird von Kunden aus ganz Italien und dem Ausland, besonders aus Kanada und den USA, sehr geschätzt.

Dem Bauernhof haben die Thimus-Tüftler den Namen „Rivendell“ gegeben – als Hommage an das literarische Werk von J.R.R. Tolkien. „Rivendell [„Bruchtal“ in der deutschen Übersetzung des „Herrn der Ringe“] ist in Tolkiens Welt das ‚Letzte Heimelige Haus‘, ein magischer Ort, an dem die Elben Denken, Natur, Musik, Traum und Freundschaft verbinden. Jenseits davon liegt Wilderland – im Grunde nichts anderes als das harte Alltagsleben der Geschäftswelt“, erklären die Gründer von Thimus.

Lokal verwurzelte Zukunft

Unsere besondere Beziehung zu Südtirol hat dazu geführt, dass sich unsere ursprüngliche Firmenphilosophie etwas geändert hat“, erzählt Andrea Bariselli. „Das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Natur in Südtirol hat uns beispielsweise zu einer Partnerschaft mit einer lokalen Firma inspiriert.“ Thimus arbeitet auch an einem zweijährigen Projekt, um selbst Geräte und Algorithmen zu produzieren. Dafür hat man nicht nur lokale Partner ins Boot geholt, sondern auch strategische Verbündete, die bereits über die nötigen Kompetenzen verfügen. „Das zeigt das internationale Denken der Südtiroler“, so Bariselli: „Warum sollen wir etwas neu erfinden, wenn es irgendwo schon jemanden gibt, der uns geben kann, was wir brauchen?“

Fact Sheet

Die Firmengeschichte von Thimus – als Bergtour

Ihre Entwicklung erzählt die Firma Thimus gern mit der Metapher einer Bergbesteigung, bei der es gilt, entscheidende Etappen und Ziele zu erreichen.

I. Wanderung zum Basislager. In den ersten vier Jahren entwickelt Thimus seine Geschäftsidee, die Marke, die Instrumente und Dienstleistungen und analysiert Fallgeschichten. Es entsteht der Wunsch, sich in einer besonderen Gegend niederzulassen und Forschung und Entwicklung zu betreiben.

II. Basislager: 1. Mai 2016 – 30. Juni 2016. Die Thimus GmbH wird in Südtirol gegründet. Das Unternehmen bewirbt sich um Aufnahme in den TIS innovation park, wird auf Roadshows in der Toskana und in Südtirol vorgestellt und beginnt seine Marketingaktivitäten.

III. Lager 1: 1. Juli 2016 – 30. September 2016. Thimus eröffnet ein Büro im IDM-Gründerzentrum, Rivendell wird zum definitiven Firmensitz und zwei weitere Roadshows finden im Piemont und in Venetien statt.

IV. Lager 2: 1. Oktober 2016 – 31. Dezember 2016. Thimus akquiriert Kunden und stellt einen qualifizierten Mitarbeiter für die Datenerhebung und -analyse ein. Rivendell wird eingeweiht und die PR-Arbeit perfektioniert. Zwei weitere Roadshows sind in Südtirol und im Ausland geplant.

V. Gipfelanstieg: ab 1. Januar 2017. Die Firma erreicht die Phase der ordentlichen Geschäftstätigkeit, mit zwei in Vollzeit tätigen Gesellschaftern und mindestens einem festen Angestellten.