Universität

31 Januar 2017Luca Barbieri

Ein hochkarätiger Wissenschaftler kehrt als Rektor nach Bozen zurück

Paolo Lugli, Professor für Nanoelektronik an der Technischen Universität München, wird zum neuen Rektor der Freien Universität Bozen. „Es geht um die Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd zum Wohle der Universität. Unser Vorbild sollte die Technische Hochschule Lausanne sein.“

Ein Forscher, wie er im Buche steht, übernimmt die Leitung der Freien Universität Bozen: Projekt- und forschungserfahren kommt der aus Carpi in der Provinz Modena stammende Paolo Lugli als neuer Rektor der Südtiroler Landesuniversität nach 15-jähriger Tätigkeit als Professor für Nanotechnologie an der prestigeträchtigen TU München in sein Heimatland zurück. „Ich habe mir Bozen ausgesucht, weil diese Universität ein großes Entwicklungspotenzial hat und weil genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Das ist eine interessante Herausforderung“, so Lugli. „Ausschlaggebend für meine Entscheidung war außerdem die Zusicherung, dass ich neben der Leitung der Universität meine Studien- und Forschungstätigkeit fortsetzen kann und das sogar in drei Sprachen: Deutsch, Italienisch und Englisch.“ Der hochqualifizierte Akademiker kehrt nach Italien zurück, nachdem er schon zweimal das Land verlassen hatte, und zeigt damit auch, dass er nicht an sichere und prestigereiche Anstellungen gebunden ist. Risikobereitschaft, eine Vorliebe für Herausforderungen und kein Bedürfnis, sich irgendwo zu verankern, sind Eigenschaften, die in dieser Konstellation in akademischen Kreisen wohl selten sind. Es gibt in der Tat nicht viele Professoren, die den Mut haben, die eigene Anstellung aufzugeben, um dem Forschertraum zu folgen. Roberto Cingolani, wissenschaftlicher Leiter des Istituto Italiano di Tecnologia, und Ruggero Frezza, Gründer von M31, einer Holding zur Förderung von Start-ups mit engen Verbindungen zur Universität, gehören zu den wenigen, die eine ähnliche Wahl wie Lugli getroffen haben.

„Ich habe mir Bozen ausgesucht, weil diese Universität ein großes Entwicklungspotenzial hat und weil genügend Ressourcen zur Verfügung stehen.“

„Meine Laufbahn als Forscher begann sofort nach dem Studium mit einem Flug in die USA, wo ich an der Colorado State University in Elektrotechnik mein Forschungsdoktorat erworben habe. Das erste Mal bin ich nach Italien zurückgekehrt, als mir eine Forscherstelle in Modena angeboten wurde. Darauf absolvierte ich den staatlichen Wettbewerb, um ordentlicher Professor zu werden, kündigte dann und ging nach München.“ Dort war Lugli in den letzten zwei Jahren Dekan der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik, die 3.500 Studierende und zirka 700 Doktoranden zählt. Danach folgte die letzte Kündigung. „Es waren alle sehr überrascht“, meint Lugli mit einem Schmunzeln. Ein Italiener, der eine Prestigeanstellung in Deutschland kündigt, um eine kleine italienische Universität zu leiten (die im Ranking der Privatuniversitäten immerhin unter den ersten fünf gereiht ist) schien unerklärlich. Doch gerade das war für ihn die Herausforderung: aus der Universität Bozen ein wichtiges Zentrum für die Forschung zu machen. „Der Braindrain aus Italien ist eine traurige Wirklichkeit: In den letzten Jahren habe ich eine erschreckende Zunahme von jungen Italienern festgestellt, die in München ein Forschungsdoktorat machen wollten. Die typischen Etappen der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Ausland sind: Erasmus – Diplomarbeit – Doktorat. Doch es ist nicht unmöglich, diesen Trend umzukehren. Der Universität Bozen ist es schon im letzten Jahr gelungen, den jungen, vielversprechenden Wirtschaftswissenschaftler Alfredo De Massis aus Großbritannien zurückzugewinnen. So war es auch eine der ersten Amtshandlungen Luglis, einen jungen italienischen Forscher nach Italien zurückzuholen. Dank eines Forschungsstipendiums wird dieser im März nach Bozen kommen und in den Labors arbeiten, die Lugli für ihn und seine Forschungstätigkeit einrichten ließ.

Einsatz der Nanotechnologie in der gedruckten Elektronik

Der neue Rektor zählt darauf, seine in München begonnene Forschung in der Nanotechnologie fortzusetzen, für die er in den letzten fünf Jahren Finanzierungen in einer Höhe von vier Millionen Euro finden konnte. „Wir arbeiten an der gedruckten Elektronik, das ist die Herstellung von elektronischen Bauelementen durch verschiedene Druckverfahren. Wir haben mit einer 90-Euro-Airbrushpistole begonnen, kleine Modelle zu schaffen, und sind letztendlich zu einem ausgezeichneten Ergebnis gelangt: In den letzten Jahren haben wir uns mithilfe der Entwicklung von Tinten auf Basis von Nanopartikeln und Nanoröhrchen der Herstellung von Sensoren gewidmet. Die Tinte ist nämlich enorm vielseitig: Man kann sie aufsprühen oder mit Siebdruck oder Tintenstrahldruck auftragen. So konnten wir Gassensoren und Sensoren für die Landwirtschaft entwickeln, die biochemische Daten des Bodens sammeln.“ Das Besondere dieser neuen Art von Sensoren sind die niedrigen Produktionskosten: Es braucht dazu keine Hightech-Labors und durch die flexible Drucktechnik belaufen sich die Kosten auf wenige Cents. Eine industrielle Nutzung steht noch aus, doch die Perspektiven sind vielversprechend. „Wir können auf die unterschiedlichsten Materialien drucken: Papier, Glas, Kunststoff und Textilien. Die Anwendungsmöglichkeiten sind unbegrenzt.“ Die Vorteile wären weitreichend: Wearables, das ist tragbare Technologie, für den Sport, Sensoren für die Landwirtschaft und Schutz der Bevölkerung und der Umwelt (Erdrutsche, Gletscher). Dazu wäre die Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen und Forschungszentren wie der Eurac naheliegend.

Kooperation mit Nord und Süd

Das Beispiel der gedruckten Nanosensoren, für die Lugli schon einige Patente entwickelt hat, ist wichtig, um das Forschungsmodell und die Rolle der Universität Bozen zu verstehen, die der neue Rektor anstrebt. „Am sinnvollsten wäre es, Forschungsprojekte nach Bozen zu bringen, die mit dem Umfeld in einen Dialog treten können und zu einem sichtbaren wirtschaftliche und sozialen Nutzen führen. Um dies zu erreichen, möchte ich an das lokale Produktionssystem andocken, vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem Unternehmerverband Südtirol. Ich glaube nicht, dass es für eine so kleine Universität notwendig ist, immer wieder neue Forschungsgebiete zu erschließen. Viel eher sollten wir uns auf das konzentrieren, was wir schon haben: Nutzen wir die vorhandenen Spitzenleistungen und fördern wir ihren interdisziplinären Einsatz vor Ort. Was die Universität betrifft, möchte ich die Verbindungen auf Euregio-Ebene (das Netzwerk zur Zusammenarbeit zwischen Südtirol, Nordtirol und dem Trentino) und mit den Universitäten Trient und Innsbruck ausbauen. So sollen gleichzeitig auch Tore geöffnet werden, damit wir unseren Horizont erweitern und beobachten können, was in Bayern, Baden-Württemberg, Wien und im Nordosten Italiens geschieht.“

„Das Ziel Bozens soll es sein, durch die Kooperation mit denen, die schon gewachsen sind, selbst zu wachsen.“

Gerade die Verbindung zu den anderen acht Universitäten im Nordosten Italiens war Luglis erstes Anliegen, als er im vergangenen September, damals noch gar nicht im Amt, die Südtiroler Lobby anführte. Ziel war es, Südtirol mit Universitäten wie Padua und Venedig zu vernetzen und auf der Ebene der Universität und der Unternehmerverbände gemeinsam den notwendigen Druck auszuüben, um die Einrichtung eines Kompetenzzentrums (eine Einrichtung, die im nationalen Plan Industrie 4.0 vorgesehen ist) für diese Universitäten zu erreichen. „Nun gibt es monatliche Treffen, und Bozen hat in diesem Prozess einen aktiven Part. Es ist wichtig, dass Bozen Teil dieses Zusammenschlusses von neun Spitzenuniversitäten ist. Das ist der Weg, den die Universität Bozen weiter verfolgen muss: durch die Kooperation mit denen, die schon gewachsen sind, selbst zu wachsen.“

Ein Schweizer Modell für den Technologietransfer

„Die Umsetzung des NOI Techparks ist eine Chance, die wir wahrnehmen müssen, um unser umfangreiches Forschungssystem zu rationalisieren.“

Während seines Aufenthaltes in Bayern hat sich Paolo Lugli auf den Bereich des Wissens- und Technologietransfers spezialisiert und die Entstehung zahlreicher Spin-offs und Start-ups von der Anfangsphase bis zur Patentanmeldung begleitet. Das sind brandaktuelle Themen, aus denen sich für alle Universitäten vorrangige und unumgängliche Ziele ergeben. „Ich arbeite an einer internen Regelung für die Patentierung und den Technologietransfer, um eine neue Universitätskultur zu schaffen. Vorbild ist die Technische Hochschule Lausanne (École Polytechnique Fédérale de Lausanne, EPFL), eine äußerst effiziente, wenn auch nicht überdimensionale Struktur, die ihre Mitarbeiter ganz gezielt angeworben hat und über einen perfekten Technologietransfer verfügt. Wenn es ein Vorbild gibt, dann ist es diese Hochschule: Sie verbindet das gesamte System Lausanne. Die Umsetzung des NOI Techparks, für den ich mich an vorderster Front einsetzen will, ist eine Chance, die wir wahrnehmen müssen, um unser umfangreiches Forschungssystem effizient zu organisieren. Es braucht eine weitsichtige Leadership, die das Land schon in der Vergangenheit bewiesen hat, und spezielle Kompetenzen. Ist das Modell Lausanne in Bozen möglich? Ich glaube schon.

 

Fact Sheet

Universität Bozen: 20-jähriges Bestehen mit Mehrsprachigkeit

Die Freie Universität Bozen wurde 1997 mit internationaler und mehrsprachiger Ausrichtung (deutsch, italienisch, englisch und ladinisch) gegründet. An der Universität Bozen werden fünf Fakultäten angeboten, sie verfügt über einen hohen Anteil ausländischer Lehrender (35 Prozent) und Studierender (17 Prozent), die in den Bereichen Wirtschafts-, Natur-, Ingenieur-, Sozial- und Bildungswissenschaft, Design und Künste studieren, unterrichten und forschen. Die mehr als 30 Studiengänge und Postgraduiertenstudien verzeichnen 3.600 Eingeschriebene. Das Bildungsangebot und die Forschungsprojekte sind international und interregional in Netzwerken verknüpft, zum Beispiel im Rahmen der Euregio mit den Universitäten Innsbruck und Trient, und sie sind an hohen Qualitätsstandards ausgerichtet. Lehre und Forschung sind intern in fünf Fakultäten und zwei Kompetenzzentren organisiert: Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Fakultät für Bildungswissenschaften, Fakultät für Informatik, Fakultät für Design und Künste, Fakultät für Naturwissenschaften und Technik, Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte, Kompetenzzentrum Sprachen. Info: www.unibz.it

Curriculum Vitae Paolo Lugli

Paolo Lugli wurde 1956 in Carpi geboren. In Modena schloss er sein Studium der Physik ab und absolvierte dann einen Master und ein Forschungsdoktorat in Elektrotechnik an der Colorado State University in den USA. Anschließend unterrichtete und forschte er an folgenden Universitäten: Colorado State University, Modena und Rom Tor Vergata. 2002 wurde Lugli an die TU München geholt, wo er bis Ende 2016 den Lehrstuhl für Nanoelektronik an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik innehatte. In der Forschung beschäftigt er sich vorrangig mit Nanoelektronik und Molekularelektronik. Paolo Lugli ist italienischer und deutscher Staatsbürger, er spricht fließend Italienisch, Deutsch und Englisch und hat gute Französischkenntnisse. Seine Publikationsliste umfasst über 350 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Seit 2011 ist er Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech), und er ist Fellow des Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE).

Führungswechsel

Das Statut der Freien Universität Bozen sieht vor, dass der Rektor vier Jahre im Amt bleibt und nur einmal bestätigt werden kann. Während der vergangenen acht Jahre hat Professor Walter Lorenz die Bozner Universität geleitet. Nach seiner Erfahrung als Rektor wird er in die Lehre und Forschung an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen zurückkehren. „Unsere akademische Gemeinschaft und die künftige Entwicklung der Universität sind mit Professor Lugli in besten Händen. Er wird sowohl Kontinuität als auch Innovation sicherstellen“, fasst Lorenz zusammen und wünscht seinem Nachfolger „viele Momente der Genugtuung, wie ich sie während meiner zwei Mandate erlebt habe.“