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21 Dezember 2016IDM

Lawinenschutz durch Hightech am Hang

„Hier weht ein anderer Wind!“ So begründet die Unternehmensgruppe Maccaferri ihre Entscheidung, ihr Innovationszentrum in Südtirol anzusiedeln. Das Maccaferri Innovation Center entwickelt Lösungen für den Katastrophen- und Lawinenschutz im Gebirge.

Die Unternehmensgruppe Maccaferri wurde im 19. Jahrhundert in Bologna gegründet und ist heute in fünf Kontinenten vertreten; ihre Tätigkeiten reichen von hochmodernen Lawinenschutz-Technologien bis hin zu neuesten Ansätzen im Bereich der Aquakultur. Aber das eigentliche Herz der Maccaferri-Gruppe schlägt in Südtirol: Hier werden neue Ideen und Produktgenerationen entwickelt, hier arbeitet man jeden Tag mit voller Kraft in Richtung Zukunft. Seit zwei Jahren ist das Maccaferri Innovation Center am Sitz von IDM Südtirol – Alto Adige in der Siemensstraße in Bozen angesiedelt und zieht bald in den NOI Techpark um, Südtirols Technologiepark, der in wenigen Monaten in Bozen Süd eröffnet wird.

Maccaferri ist Marktführer in der Planung und Entwicklung von Lösungen im Bauingenieurwesen, in der Geo- und Umwelttechnik. Das Unternehmen blickt auf eine lange Geschichte zurück, in der Innovation von Anfang an eine große Rolle spielte: So erfolgte seine Gründung 1879 mit der Erfindung der sogenannten Metallgitter-Gabionen, die mit Kies und Steinen gefüllt und für Straßenbauten verwendet wurden. In 140 Jahren wurde aus dem Betrieb eine Unternehmensgruppe mit einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro, die mit 66 Tochterunternehmen in verschiedensten Bereichen tätig und auf fünf Kontinenten vertreten ist. Schwerpunkt von Anfang an war die Suche nach innovativen Lösungen für ihre Kunden. Einen wichtigen Schritt dafür setzte das Unternehmen 2014, als es in Südtirol sein Exzellenzzentrum ansiedelte, das ausschließlich der Forschung und Entwicklung gewidmet ist. 

Bewährtes neu denken: die Gabionen der Zukunft

Symbiose von Alt und Neu: das klassische Maccaferri-Produkt in Hightech-Version

Der Frage, wie man Muren und ihre Folgeschäden verhindern kann, widmet sich eines der Forschungsprojekte im neuen Innovationszentrum. Im Herbst 2016 wurde eine Versuchsserie an der Universität Trient abgeschlossen, wo es ein geeignetes hydraulisches Labor gibt. Vor allem galt es, Bewährtes weiterzuentwickeln: Das klassische Maccaferri-Produkt, die Gabione, wurde neu konzipiert. „Vieles hat sich in den letzten hundert Jahren verändert: die Regeln und Berechnungsmethoden, die dem Produkt zugrunde liegen, genauso wie die Ansprüche der Kunden an die Haltbarkeit des Materials“, erklärt Francesco Ferraiolo, Geschäftsführer des Innovation Center in Bozen und seit Jahren technischer Direktor von Maccaferri. Die Gabione der Zukunft wird in Bozen entwickelt, aber mit Projektpartnern in ganz Italien: Im technischen Bereich arbeitet man etwa mit der Universität Trient zusammen, die Experimente mit Prototypen in Originalgröße werden auf einem geeigneten Testgelände in Bergamo durchgeführt.

Kleine Fische: von Japan ans Mittelmeer

Vom Bauingenieurwesen zur Aquakultur führt ein weiteres Projekt, in dem Maccaferri ein stahlloses Ringgeflecht aus Polymer-Kunststoff entwickelt. „Die Technologie, die wir hier anwenden, ist grundverschieden von dem, was wir sonst gewohnt sind“, betont Ingenieur Ferraiolo. Konkret geht es um Maschennetze, aus denen riesige „Käfige“ für die Zucht von Meeresfischen hergestellt werden. „Dieses Netz wurde in Japan erfunden. Wir haben vor vielen Jahren ein Abkommen mit dem Familienunternehmen getroffen, das die Idee dazu hatte“, so Ferraiolo. Der Eigentümer suchte einen internationalen Partner – und fand ihn in Maccaferri.

Prototypen, die funktionieren – und dort produziert werden, wo man sie benötigt

Das Netz wurde allerdings für die Nordmeere und Japan entwickelt, wo vor allem Lachs gezüchtet wird. Für die Mittelmeerregion musste es Maccaferri entsprechend anpassen. „Ein Netz mit kleineren Maschen herzustellen schien zuerst kein großes Problem zu sein, aber bald wurde uns klar, dass es nicht so einfach ist“, erzählt Ferraiolo. Deshalb begann man, alle Produktionsprozesse zunächst in kleinerem Maßstab zu simulieren, bevor sie dann real umgesetzt wurden. „Konkret heißt das: Wir stellen sowohl Produkte in realer Größe her als auch Produkte in Modellgröße“, so Ferraiolo. Genau das ist die Philosophie des Maccaferri Innovation Center in Bozen: perfekt ausgereifte Modelle zu entwickeln, die man dann dort produziert, wo sie benötigt werden. „Wir beginnen mit digitalen Modulationsverfahren, führen dann Laborversuche durch und produzieren schließlich Prototypen. Anschließend können wir das Produkt in unseren Produktionsstätten weltweit industriell fertigen, und zwar auf die effizienteste Weise.“

Warum Bozen? „Hier weht ein anderer Wind!“

In Südtirol findet Maccaferri Impulse für neue Projekte

Die Maccaferri-Gruppe ist nach Südtirol gekommen, weil sie ein Forschungszentrum brauchte – aber sie hat sich auch bewusst für den Standort entschieden. „Wir haben immer schon geforscht, aber nicht wirklich systematisch“, erinnert sich Francesco Ferraiolo. Dreißig Jahre lang ging das gut, aber dann entschied sich Maccaferri für einen Paradigmenwechsel: für ein eigenes, unabhängiges Zentrum, das sich ganz auf Forschung und Entwicklung konzentrieren sollte. Nach einem Zwischenstopp in Trient einigte sich das Maccaferri-Expertenteam, angeführt von Ferraiolo, auf Bozen als Standort für das neue Maccaferri Innovation Center. Aber warum gerade Südtirol, wo die Gruppe doch über ausreichend Flächen auf der ganzen Welt verfügt? „Hier gibt es eine öffentliche Hand, die Entwicklung und Forschung gezielt fördert“, sagt Ferraiolo. „Besonders wichtig war uns aber, dass es hier Partner gibt, mit denen man gut zusammenarbeiten kann, sowie eine ambitionierte – und daher sehr interessierte und offene – Universität. Wir bekommen in Bozen jeden Tag Impulse für neue Projekte. Vier davon haben wir bereits bei der Landesverwaltung eingereicht, und alle vier wurden gefördert.“ 

Drohnen gegen Muren

Das wirtschaftliche Ökosystem Südtirol bietet viele Möglichkeiten, sich mit unterschiedlichen Denkweisen und Ideen auseinanderzusetzen, und ist daher ein natürlicher Verstärker von Innovationsprozessen. Zu beobachten ist dies an einem Projekt von Maccaferri, das sich mit Berg- und Erdrutschen befasst – ein Problem, das auch andere italienische Regionen immer wieder betrifft. Die Idee dazu hatte Francesco Ferraiolo während der Einweihung einiger neuer Spitzenlabors an der Universität Bozen. Dabei wurde auch ein System präsentiert, das Drohnen für landwirtschaftliche Erhebungen einsetzt. „Aus dieser zufälligen Begegnung entstand ein neues Projekt für eine Web-Plattform, gekoppelt an meine Idee, Umweltverträglichkeitsprüfungen noch vor Umsetzung eines Projekts durchzuführen, also bereits in der Planungsphase“, so Ferraiolo. Das Beispiel zeigt: Hier öffnen sich Türen, neue Wege tun sich auf – eine ideale Situation für ein Unternehmen, das sich auf der Grundlage von Know-how weiterentwickeln will. Das Maccaferri Innovation Center freut sich schon auf seine Umsiedlung in den NOI Techpark, Südtirols neuen Technologiepark. Francesco Ferraiolo ist davon überzeugt, dass Bozen damit ein Vorbild für ähnliche Initiativen in ganz Italien sein wird: „Das Entscheidende ist, Forschung in den Mittelpunkt zu rücken und systematisch zu betreiben. Unabdingbar dafür ist ein gutes Verhältnis zu weitsichtigen öffentlichen Institutionen und anderen innovationsfreudigen Unternehmen. Deshalb war Südtirol eine gute Wahl.“

 

Fact Sheet

Öffentliche Förderung

Im Maccaferri Innovation Center in Bozen arbeitet ein Team von durchschnittlich sieben Mitarbeitern, von denen vier im Büro am IDM-Sitz tätig sind und drei im Labor in der Altmannstraße. Von Anfang an beabsichtigte man, die Fachkräfte mit der notwendigen Ausbildung vor Ort zu finden. In den zwei Jahren seines bisherigen Bestehens hat das Innovationszentrum bei der Südtiroler Landesverwaltung vier Projekte eingereicht, die alle gefördert wurden. Das erste Projekt ist so gut wie abgeschlossen und ermöglichte es, eine von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Beziehung zwischen Maccaferri und der Landesverwaltung aufzubauen – eine hervorragende Voraussetzung für die zukünftige Arbeit im neuen Technologiepark.

Ziele und Standort

Mit der Verwirklichung seines Innovation Center hat Maccaferri einen jahrzehntelangen Traum verwirklicht, nämlich den eines kleinen, unabhängigen und spezialisierten Forschungszentrums, wo Prototypen der eigenen Produkte geplant und getestet werden können. Auf Südtirol als Standort einigte man sich schrittweise: Maccaferri wollte einen Ort finden, wo es ein anregendes Netzwerk von innovativen Playern in Technologie und Industrie gibt. Damit wollte das Unternehmen nicht nur Synergien für laufende Projekte nutzen, sondern auch Impulse für neue Ideen und Herausforderungen erhalten. Maccaferri ist überzeugt, dass die aktive Innovationsförderung des Landes Südtirol in Italien einzigartig ist und Schule machen wird.

Wirkung

Als kleiner, aber wesentlicher Stützpunkt hat das Maccaferri Innovation Center frische Energien für die weitere Entwicklung des gesamten Mutterunternehmens erzeugt – einer Gruppe, die aus 66 Unternehmen besteht, mit unterschiedlichen Spezialisierungen und auf fünf Kontinente verteilt. In den ersten zwei Jahren seines Bestehens war das Innovation Center bereits mehrmals Gastgeber für die Arbeitstreffen der Unternehmensführung der Gruppe. Maccaferri hat außerdem mit einigen „Nachbarunternehmen“ in der Bozner Siemensstraße fruchtbare Kooperationen begonnen, sowohl um Synergien für bereits laufende Projekte zu nutzen als auch für die Planung neuer Forschungsprojekte.