Green

24 November 2016Ina Lutterbüse

Status quo Energiewende und wo die Reise hingeht

Solarzellen, Elektro-Autos und Windräder gehören seit vielen Jahren zu dem, was wir unter “erneuerbaren Energien” oder “Green Energy” verstehen. Sie scheinen sich langsam aber sicher zu etablieren. Seit Jahren kann man sich bei der Wahl seines Stromanbieters bewusst für Natur- bzw. Ökostrom entscheiden. Doch wann kommt sie nun endlich, die Energiewende, von der so häufig die Rede ist?

Was bedeutet Energiewende überhaupt?

Ihre Wurzeln hat die Energiewende in den 70er Jahren, als die ersten Bewegungen in Richtung eines bewussteren Umgangs mit Energie und “Atomkraft, nein Danke!”-Sticker aufkamen. In den 80ern zogen Die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag ein und in Chernobyl kam es zum Atomreaktor-Unglück. Als Folge dessen wurden Anfang der 90er fünf Reaktoren in Deutschland vom Netz genommen. Damit war der Austritt aus der Atomenergie eingeleitet. Erst 20 Jahre später und im Angesicht der erschreckenden Folgen des Reaktor-Unglücks in Fukushima wird jedoch unter Kanzlerin Merkel das Jahr 2022 als Enddatum für die Abschaltung des letzten Atomkraftwerkes festgelegt.

Etwa zur gleichen Zeit wird die Energiewende beschlossen: Bis zum Jahr 2025 sollen in Deutschland 45% und bis 2050 mehr als 80% der produzierten Energie aus erneuerbaren Ressourcen kommen.
Die Maßnahmen der Politik scheinen zu greifen: Im Jahr 2015 produzierte Deutschland 36% seines Energieverbrauchs aus erneuerbaren Energien – so viel wie kein anderer der G20 Staaten. Und obwohl wir im Vergleich zu den anderen 19 großen Industrienationen auf einem guten Weg sind – Frankreich bezieht immer noch 75% seiner Energie aus Atomkraftwerken; die Amerikaner können sich nicht von ihren stromfressenden Klimaanlagen trennen – gibt es noch genügend Potenzial für Verbesserungen.

Wie diese Innovationen und Weiterentwicklungen aussehen könnten, darüber wurde auch beim diesjährigen Energieforum PONTI diskutiert. Das Event fand vom 17.-18.10. unter dem Titel “Efficiency in Green Energy Production – How to Increase Production & Revenues of Green Energy Power Plants in a Changing Environment” in Meran statt. Elf Referenten aus Südtirol, Italien, Deutschland und Österreich gaben Einblicke in Marktentwicklungen, neue Technologien und Business Models; 12 vom IDM Südtirol ausgewählte Unternehmen stellten ihre Produkte vor.

Teilnehmer schätzen den Austausch, der ihnen hilft, ihr eigenes Produkt zu optimieren: „PONTI ist eine extrem interessante Möglichkeit sich auf dem Laufenden zu halten, da es einen Kontaktpunkt zwischen dem deutschen und italienischen Markt darstellt.“, so Davide Chiaroni vom Politecnico Milano. Außerdem gibt die Veranstaltung kleineren Unternehmen eine Plattform, sich der Branche zu präsentieren: “Wir haben bereits zum dritten mal teilgenommen. Neben dem Kontakte knüpfen ist es uns wichtig, dass unser Unternehmen am Markt wahrgenommen wird. PONTI gibt uns die Möglichkeit dazu,” meint Klaus Kress von VEIL Energy.

Grundsätzlich lassen sich auf dem Weg zur Energiewende zwei Trends erkennen.

Zum einen wird der Energiemarkt immer kleinteiliger und vielseitiger, denn die alteingesessenen Energie-Anbieter bekommen – getrieben durch die Digitalisierung der Branche – immer öfter Konkurrenz von externen Anbietern, die aus der Informations- oder Technologiebranche auf den Energiemarkt drängen. So bietet z.B. das Start-up Polarstern “Wirklich Ökostrom” und “Wirklich Ökogas” an. Viele herkömmliche Ökostrom-Anbieter dürfen ihr Produkt nur aufgrund des Handels mit CO2-Zertifikaten so labeln, im Grunde handelt es sich also um Mogelpackungen. Das durchschauen immer mehr umweltbewusste Kunden und suchen nach Alternativen. Polarstern setzt daher bei seinen Produkten ausschließlich auf nachhaltige und regionale Energiequellen, wie deutsche Wasserkraft und organische Reststoffe.

Auch das Start-up Veil Energy aus Bozen widmet sich seit 2013 dem Thema erneuerbare Energien und wie man diese effizienter nutzen kann. 2014 ließ es sich den “Thermoelektrischen Generator - TEG” patentieren, der Wärme in Strom umwandelt und somit nutzbar macht.

Der Generator wandelt Wärme aus verschiedensten Quellen, z.B. Abgase von Motoren oder Strahlungswärme aus der Stahlproduktion, in Strom um. So wird Energie, die ansonsten sprichwörtlich verpuffen würde, zur Stromgewinnung genutzt.
Den Standort Südtirol wählte die junge Firma, da sie hier ihre optimale Kundenstruktur vorfand und Unterstützung vom Land Südtirol bekam. Außerdem liegt Südtirol im Schwerpunkt Europas und bietet somit einen guten Knotenpunkt für wirtschaftliche Beziehungen in alle Himmelsrichtungen. Personal aus dieser Region spricht meist fließend Deutsch, Italienisch und Englisch, was für internationales Agieren von Vorteil ist.

Vom Verbraucher zum Selbstversorger & Produzenten

Der zweite Trend auf dem Weg zur Energiewende betrifft den besseren Ausbau unseres Energie-Netzes hin zum sog. Smart Grid. Das Stromnetz und seine Nutzung bzw. Auslastung wird intelligenter werden. Einerseits gibt es schon heute Privatpersonen, die z.B. mittels Solarzellen auf dem Dach ihres Hauses ihren eigenen Strom erzeugen. Bei Überproduktion wird er ins allgemeine Stromnetz gespeist und der Erzeuger bekommt Geld dafür – er verkauft also seinen eigenproduzierten Strom. Diese Art der Mikro-Energieerzeugung wird vom Staat gefördert und somit in Zukunft zunehmen. Damit ändert sich das Bild des Energie-Kunden grundsätzlich. Plötzlich ist der Kunde nicht mehr Abnehmer bzw. Verbraucher, sondern ein Partner, der selbst Energie anbietet, die ihm vom großen Energie-Anbieter abgekauft wird. Beim Anbieter RWE bekommt der Privatproduzent um die 13 Cent pro Kilowattstunde.

Eine andere Entwicklung geht dahin, Auslastung, Angebot und Nachfrage besser zu regulieren. Das Projekt NordLink soll bis zum Jahr 2020 den deutschen mit dem norwegischen Strommarkt verbinden – über ein 623 km langes Seekabel. Wenn in Deutschland aufgrund der Wetterlage Sonnen- und Windenergie gerade sehr teuer sind, könnte darüber günstigerer Strom aus norwegischer Wasserkraft importiert werden.

Auch auf der Veranstaltung in Meran waren sich Referenten und Teilnehmer einig, dass dies die großen Trends in der Energiebranche sind – und dass sie sich in hunderten, wenn nicht tausenden, Ideen, Start-ups und neuen Produkten manifestieren. 

Fact Sheet

Südtirol ist Italiens "grüne Region" und strategische Business Location zwischen dem deutsch- und italienischsprachigen Markt. 

Mit Ponti bieten wir jedes Jahr eine B2B-Plattform für mehr als 150 Unternehmen aus der Region um sich über die Entwicklung im "Green Energy"-Sektor auszutauschen und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten.