Cultura

9 Juni 2017IDM

Von den Bergen in die Städte: Nachdenken über die Zukunft von Seilbahnen

In den Bergen sind sie zu Hause, künftig wird man aber immer öfter auch in Städten mit ihnen unterwegs sein: Über die Zukunft und Entwicklung von Seilbahnen haben Experten aus aller Welt beim 11. Weltseilbahnkongress in Bozen nachgedacht.

Einmal mehr hat sich Bozen Anfang Juni als Seilbahnhauptstadt der Welt etabliert. Experten aus nicht weniger als 30 Staaten waren zum 11. Weltseilbahnkongress der Internationalen Organisation für das Seilbahnwesen OITAF nach Südtirol gekommen, um sich über die neuesten Entwicklungen der Branche auszutauschen. Die Wahl des Austragungsortes kommt nicht von ungefähr, weiß auch Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher: Als Land der Berge sei Südtirol geradezu prädestiniert, Technologien zu entwickeln, um natürliche Hürden zu überwinden. „Südtirol hat daher einen ganz besonderen Bezug zu Seilbahnen: wir waren Pioniere, hier ist die erste öffentliche Seilbahn der Welt in Betrieb gegangen und auch heute noch sind wir ein Land der Seilbahnen und Seilbahner“, erklärte Kompatscher bei der Eröffnung des Kongresses.

Rund um die Seilbahnen sei deshalb in Südtirol ein ganzer Industriezweig entstanden: „Die alpinen Technologien sind eines unserer Stärkefelder“, so der Landeshauptmann. Sein Stolz hat indes nichts mit Lokalpatriotismus zu tun, sondern ruht auf beeindruckenden Zahlen: 369 Seilbahnanlagen sind in Südtirol in Betrieb, sie befördern 127 Millionen Passagiere jährlich und erwirtschaften einen Jahresumsatz von 269 Millionen Euro. Kurios ist: Alle rund 500.000 Einwohner Südtirols könnten mit eigenen Seilbahnen befördert werden – in gerade einmal einer Stunde.

In Südtirol sind 369 Seilbahnanlagen in Betrieb, sie befördern 127 Millionen Passagiere im Jahr und könnten alle Einwohner Südtirols transportieren – in gerade einmal einer Stunde.

Ein Transportmittel verlässt die Berge und erobert die Städte

Die touristische und wirtschaftliche Bedeutung der Seilbahnen in den Berggebieten ist unbestritten, immer wichtiger würden Seilbahnen aber auch als urbane Verkehrsmittel. Darüber sind sich die Seilbahnexperten aus aller Welt einig und gerade diese Entwicklung stand auch im Mittelpunkt des Bozner Weltseilbahnkongresses. „Gerade dort, wo alles oder vieles verbaut ist und es Schwierigkeiten mit dem Gelände gibt, sind Seilbahnen oft die einzige Lösung – eine umweltfreundliche und kostengünstige noch dazu“, brachte es Landeshauptmann Kompatscher auf den Punkt.

Die Pioniere dieser ganz speziellen Nutzung von Seilbahnanlagen sitzen übrigens nicht in den Alpen, ja nicht einmal in Europa. Vielmehr waren es Südamerikaner, die Seilbahnen als urbane Verkehrsmittel entdeckt haben. Das Eis gebrochen hat die kolumbianische Stadt Medellin, die mit der weltweiten Pionierlinie 1 allein in den ersten zehn Jahren ihres Betriebes 120 Millionen Pendler befördert hat. Mittlerweile wurde das städtische Netz auf fünf Linien ausgebaut, eine sechste ist im Bau. „All diese Linien funktionieren vor allem als Zubringer zu den U-Bahn- und Tramlinien, sind also ins Netz des öffentlichen Nahverkehrs eingebunden“, erklärte Jorge Ramos, Leiter der Betreibergesellschaft „Metrocable de Medellin Ltda.“, in Bozen. In Medellin, so Ramos, habe die Seilbahn auch eine soziale Funktion: periphere, meist arme Viertel seien mit Hilfe der Seilbahnen an das Zentrum angebunden worden, sie wurden belebt und wirtschaftlich aufgewertet. „Ganze Stadtviertel sind dank der Seilbahn resozialisiert worden“, erklärt dann auch der scheidende OITAF-Präsident Martin Leitner, der ergänzt: „Auch dank dieser Erfahrung sind Seilbahnen heute zu wahren Problemlösern in Sachen Mobilität geworden.“

„Seilbahnen sind heute zu wahren Problemlösern in Sachen Mobilität geworden.“

Martin Leitner, OITAF-Präsident 2011 bis 2017

Das weltgrößte urbane Seilbahnnetz entsteht derzeit im bolivianischen La Paz, das über vier städtische Linien verfügt. Sie haben bis dato rund 80 Millionen Passagiere befördert und halten mit fast 200.000 beförderten Passagieren an einem einzigen Tag den Weltrekord. Weil die Stadt weiter wächst und im Verkehr zu ersticken droht, baut man das Netz in La Paz bis 2019 auf elf Linien mit fast 1500 Kabinen aus. Sie sorgen nicht nur für eine nachhaltige und günstige Beförderungsmöglichkeit, sondern sind im chaotischen Stadtverkehr auch effizienter als Busse oder das eigene Auto. „Wer zum Pendeln die Seilbahn anstatt des Autos oder des Busses nutzt, spart im Jahr 16 Tage Fahrzeit“, erklärte Cèsar Dockweiler, CEO des staatlichen Seilbahnbetreibers „Mi Telefèrico“, beim Kongress in Bozen. Neben Nachhaltigkeit, Sicherheit, günstigem Betrieb und Beförderungskapazität ein weiteres gutes Argument für die Seilbahn.

Wer in La Paz die Seilbahn zum Pendeln nutzt anstatt des Autos, spart im Jahr 16 Tage Fahrzeit. 16 gute Argumente für dieses Beförderungsmittel.

Südamerikanische Pioniere und Europa folgt

Auf Medellin und La Paz folgten Seilbahnen in Mexiko Stadt, Rio de Janeiro und in den letzten Jahren auch in Ankara, London oder Berlin. „Seilbahnen scheinen nun auch in Europa mehr und mehr Akzeptanz als urbane Verkehrsmittel zu finden“, so Martin Leitner. Diese Einschätzung wurde beim Weltseilbahnkongress auch von Cyril Ladier bestätigt. Er leitet das Projekt zur Errichtung einer neuen Seilbahn in Toulouse, der viertgrößten Stadt Frankreichs, in deren Großraum rund eine Million Menschen leben und arbeiten. Die rund drei Kilometer lange Seilbahn wird ab 2020 die Forschungs- und Gewerbestandorte im Süden der Stadt an das Zentrum anbinden und zehntausenden Pendlern eine günstige, komfortable, stets erreichbare alternative Verkehrslösung bieten. Bei Ladier klingt das nicht ganz so euphorisch: „Die Seilbahn ist“, so der Projektleiter lapidar, „die beste, kostengünstigste und am schnellsten zu verwirklichende Mobilitätlösung“.

…und wieder zurück in die Berge

Zu kurz kam beim 11. Weltseilbahnkongress in Bozen auch das Ursprungsgebiet der Seilbahnen nicht: das Berggebiet. Für einen Blick auf die Entwicklung der Seilbahnen hatte man mit Peter Schröcksnadel einen prominenten Referenten gewonnen. Der Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) und selbst Seilbahnbetreiber erinnerte in seinem Vortrag daran, welchen Wohlstand die Erschließung der Berge durch Seilbahnen in die Alpen gebracht habe. „Wir haben heute vielfach vergessen, wie es vor hundert Jahren im Alpenraum ausgeschaut hat: die Täler waren arm und wurden nach und nach entvölkert“, so der ÖSV-Präsident. Erst die Entwicklung der Seilbahnen und die dadurch möglich gemachte Erschließung der Berge hätte dieser Situation ein Ende bereitet und einen unvergleichlichen Aufschwung eingeleitet.

„Leider legt man uns heute immer wieder Steine in den Weg, die Seilbahnen werden zum Buhmann“, so Schröcksnadel in Bozen. Man vergesse, so der Skiverbandspräsident, dass die Seilbahnen der Motor des Wintersports seien und damit auch der Motor der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung. Allein in Österreich erwirtschafte der Tourismus einen Umsatz von 14,7 Milliarden Euro jährlich, wobei rund 70 Prozent davon auf Gastronomie und Hotellerie entfielen. „Für die Seilbahnen bleiben gerade einmal zehn Prozent“, so der österreichische Multi-Unternehmer. „Jene Branche“, so Schröcksnadel, „die die höchsten Investitionen zu stemmen hat, jene Branche, die das größte Risiko trägt, bekommt demnach den geringsten Anteil.“

„Ich mache mir keine Sorgen um den Wintersport und weil ich mir keine Sorgen um den Wintersport mache, mache ich mir auch keine um die Seilbahnen.“

Peter Schröcksnadel, Seilbahnunternehmer und ÖSV-Präsident

Trotzdem ist der Ausblick des ÖSV-Präsidenten ein positiver: Der Wintersport boome, neue Märkte würden erschlossen, allein in China sei in den nächsten Jahren mit rund 300 Millionen Wintersportlern zu rechnen. „Wenn die uns einmal entdecken, dann werden wir Probleme haben, die Leute unterzubringen“, grinste Schröcksnadel bei seinem Vortrag in Bozen. „Ich mache mir deshalb keine Sorgen um den Wintersport und weil ich mir keine Sorgen um den Wintersport mache, mache ich mir auch keine um die Seilbahnen“, so der ÖSV-Präsident.

Beim Weltseilbahnkongress in Bozen wurde also aufgezeigt, wohin sich Seilbahnen in aller Welt entwickeln, egal ob nun auf den Bergen oder in den Städten. Ohne Zweifel kann dies niemand besser beurteilen als die Experten der 1959 gegründeten und in Bozen angesiedelten OITAF, der Seilbahnbetreiber, Hersteller von Seilbahnanlagen und deren Aufsichtsbehörden aus 30 Staaten der Erde angehören. Sie bündelt – und darauf ist man zu Recht stolz – das gesamte Know-how der Branche in einer Hand. Und wo wäre das besser aufgehoben als im Seilbahn-Mutterland Südtirol?