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12 Mai 2017IDM

Bozner Biotech-Zwerge mischen im Functional-Food-Markt mit

Was, wenn zwei hochspezialisierte Biotech-Unternehmen kooperieren und dafür Südtirol als Standort aussuchen? Dann ist eine Revolution auf dem Lebensmittelmarkt nicht ausgeschlossen. Ein Blick in die faszinierende Welt von Lyophilisierung, DNA-Analysen und Probiotika.

Als Herkunftsort hochqualitativer, natürlicher Lebensmittel, von Milch und Milchprodukten, Speck und Obst etwa, ist Südtirol weitum bekannt. Weniger bekannt ist, dass in der Landeshauptstadt auch an Lebensmitteln geforscht wird, die – nennen wir es einmal – optimiert werden: für die Ernährung Kranker oder jene von Sportlern. Seit fast zehn Jahren ist dies ein Bereich, den das Bozner Unternehmen LB LYOpharm systematisch und mit viel Know-how beackert.

Seine Spezialgebiete sind zwei: zum einen gewinnt man bei LB LYOpharm hochreine Wirkstoffe, etwa Proteine aus der Molke, zum anderen konzentriert man sich auf die Gefriertrocknung von Nahrungsmitteln, auch Lyophilisierung genannt (daher der Firmenname). Mit diesem Verfahren werden die Vorteile von Einfrieren und Trocknen kombiniert. So werden Lebensmittel in einer ersten Phase sehr schnell auf eine Temperatur von minus 70 Grad gebracht, das enthaltene Wasser wird zu Eis. Es folgt die Trocknung, indem man die gefrorenen Lebensmittel im Vakuum langsam erhitzt. Fehlt der Luftdruck, taut Eis nicht zu Wasser auf, sondern verdampft sofort. Der Wasserdampf wird aufgefangen und dem Produkt entzogen, sodass ein nahezu komplett trockenes Lebensmittel daraus wird, eines also, dessen Restfeuchtigkeit noch bei einem bis maximal fünf Prozent liegt. „Durch das Fehlen der Feuchtigkeit haben Bakterien keine Chance, das Produkt ist damit bis zu fünf Jahre lang haltbar, ohne dass es an Qualität einbüßt“, erklärt Gianluca Salvadori, leitender Apotheker bei LB LYOpharm.

Niedrige Temperaturen und ein Vakuum: So entzieht man Lebensmitteln bis zu 99 Prozent ihres Wassergehaltes.

Ein Apfel mit der Konsistenz von Styropor – und doch schmeckt er wie ein Apfel

Das Verfahren der Gefriertrocknung – ein voller Zyklus dauert 72 Stunden – hat noch weitere Vorteile. „Bei unserem Verfahren bleibt die molekulare Struktur des Produktes unverändert: Proteine bleiben erhalten, Vitamine werden nicht zerstört und gefriergetrocknete Mikroorganismen ebenso wenig“, so Salvadori. Kurz: ein Apfel bleibt Apfel, auch wenn er nur mehr in Pulverform vorliegt. Und er schmeckt auch wie einer.

Salvadori macht ein anderes Beispiel: eine klassische Gemüsesuppe. Die wird bei LB LYOpharm aus frischem Gemüse hergestellt, danach gefriergetrocknet und zusätzlich mit Proteinen, Vitaminen und Mineralsalzen angereichert, sodass ein lang haltbares, einfach zuzubereitendes Gericht entsteht, das alles Notwendige für die Ernährung in Krankenhäusern enthält. „Für Krebspatienten ist zum Beispiel eine ausgewogene, gezielte Ernährung wichtig, damit sie den Strapazen von Krankheit und Behandlung körperlich gewachsen sind“, so der gelernte Apotheker. Und der Vorteil: Die optimierte Pulver-Gemüsesuppe schmeckt exakt so: nach Gemüsesuppe nämlich.

Patienten in einem Krankenhaus müssen nicht nur essen, sie müssen gezielt ernährt werden. Und schmecken sollte es auch.

Vier Jahre lang hat LB LYOpharm in die Forschung und Entwicklung gesteckt, bevor man mit ersten gefriergetrockneten, optimierten klinischen und Diätprodukten auf den Markt kam, gefolgt von Nahrungsergänzungsmitteln für Sportler. Mittlerweile hat man die Palette ausgebaut, stellt Suppen, Joghurts und Drinks her und beliefert Krankenhäuser, Diätkliniken und Apotheken. Am Sitz in Bozen verfügt man über 500 Quadratmeter Reinraum-Fläche und mit 340 Quadratmetern über eine der größten Gefriertrocknungs-Flächen in ganz Europa. 16 Gefriertrockner laufen dort nahezu rund um die Uhr, 22 Mitarbeiter sorgen für einen reibungslosen Ablauf. So können jährlich nicht weniger als 150 Tonnen gefriergetrocknetes Pulver hergestellt werden, vorwiegend Molke-Proteine, klinische und diätetische Nahrungsmittel sowie Nahrungsergänzungsmittel. 

Den functional-food-Markt dominieren Kolosse, zwei Bozner Miniunternehmen wollen mitmischen

Der Markt für optimierte Nahrungsmittel, für hochreine Wirkstoffe und Ergänzungsmittel boomt derzeit. Das spürt auch das kleine Bozner Unternehmen, das auf dem besten Weg ist, seinen Umsatz im Jahr 2017 im Vergleich zu jenem 2016 zu verdoppeln. Dazu soll auch eine ganz neue Erfolgsstory beitragen, die man auf den Weg gebracht hat.

LB LYOpharm ist schließlich nur eine Hälfte dieser Geschichte, die zweite bildet Laboratori Clodia, ein hochspezialisiertes privates Labor, das in Chioggia gegründet wurde und seine Genetik-Abteilung nun nach Bozen verlegt hat. Der Südtiroler Ableger nennt sich Gene Di Sud Tirol und ist auf molekulare Diagnostik und Genetik spezialisiert, extrahiert also DNA aus Proben von Menschen, Tieren, Pflanzen, Lebensmitteln, Wasser, Luft und Boden und analysiert diese. So können etwa Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten (Laktoseintoleranz, Zöliakie) festgestellt werden, die erbliche Veranlagung zu Osteoporose, Diabetes oder sonstigen genetischen Krankheiten. Im Lebensmittelbereich untersucht man Proben zudem auf Mikroerreger, funktionale Bakterien oder Viren.

Wer die menschliche DNA kennt, dem erschließen sich ganz neue Märkte und jener funktionaler Lebensmittel ist einer, der boomt.

Dieses Know-how, die Erfahrung auf dem Gebiet der DNA-Analyse und die genaue Kenntnis des menschlichen Genoms erschließt Gene Di Sud Tirol auch neue Märkte. Einer dieser Märkte ist der, den LB LYOpharm schon beackert: jener optimierter Lebensmittel, von functional food also. Gemeinsam will man auf diesem Markt mitmischen, auch wenn die Konkurrenz nicht nur drei, sondern Millionen Nummern größer ist. Die großen Player auf dem functional-food-Markt sind Lebensmittelriesen, zu denen sich Pharmakolosse gesellen. Das ist ein Marktumfeld, das die beiden Bozner Kleinunternehmen nicht abschreckt – im Gegenteil: mit einiger Erfahrung, mit viel Know-how und einer gehörigen Portion Selbstvertrauen will man den Kolossen im Bereich der Probiotika Konkurrenz machen.

Probiotika als Chance: für den Menschen, aber auch für die beiden Bozner Biotech-Zwerge

Zur Erklärung: Probiotika sind Zubereitungen, die lebensfähige Mikroorganismen enthalten. Diese werden – meist über Lebensmittel – aufgenommen und sollen bis in den Darm vorstoßen, wo sie antibakterielle Stoffe produzieren und so zu Gesundheit und Wohlbefinden beitragen sollen. Die bekanntesten probiotischen Produkte sind wohl Joghurts oder Trinkjoghurts, letztendlich spielt die „Verpackung“ der Mikroorganismen allerdings eine untergeordnete Rolle. Der Markt für Probiotika ist ein enormer Wachstumsmarkt, auch wenn die heute angebotenen Produkte an eine natürliche Grenze stoßen: „Die Probiotika, die es am Markt gibt, sind zum größten Teil synthetischer Natur, der Körper erkennt sie als Fremdkörper und bekämpft sie entsprechend, sodass nur wenige von ihnen überhaupt den Weg in den Darm finden“, erklärt Roberto Marchetti, Geschäftsführer von Gene Di Sud Tirol. Genau diese Grenze will sein Unternehmen nun mit Hilfe von LB LYOpharm überwinden.

Probiotika finden erst den Weg in den Darm, wenn sie vom Körper nicht bekämpft werden. Und dafür müssen es körpereigene Mikroorganismen sein.

Derzeit läuft die Grundlagenforschung in den Labors von Gene Di Sud Tirol. „Wir analysieren menschliche Stuhlproben, um jene Mikroorganismen zu finden, die für eine funktionierende Verdauung sorgen“, so Marchetti. Züchte man solche Mikroorganismen, habe man keine synthetischen, sondern natürliche, gewissermaßen körpereigene Probiotika zur Hand. „Die werden nicht mehr bekämpft, sie gelangen unbeschadet in den Darm und können dort die Verdauungstätigkeit unterstützen“, erklärt der Gene Di Sud Tirol-Leiter.

Hier kommt dann auch LB LYOpharm ins Spiel. Dort verfügt man über Erfahrung, Know-how und Gerätschaften, um Probiotika hochrein herzustellen und auch gefriergetrockneten Lebensmitteln beizugeben. Ein Weg, um die klinischen und diätetischen LYOpharm-Produkte noch effizienter zu gestalten, und ein Weg auch, um eigene Probiotika-Linien auf den Markt zu bringen.

Noch ist einiges an Sensibilisierungsarbeit für eine effiziente klinische Ernährung zu leisten. Dafür gibt’s nun ein italienweites Netzwerk.

Dieser muss allerdings – da sind sich Marchetti und Salvadori einig – erst noch für die Vorteile optimierter Nahrung sensibilisiert werden. „Im klinischen Bereich hat man in den letzten Jahren erkannt, wie wichtig eine gezielte Ernährung ist, um den Heilungsprozess zu unterstützen“, erklärt Marchetti. Allerdings sei das Wissen um klinische Ernährung immer noch nicht allzu breit gestreut. Deshalb hat man in Bozen ein Netzwerk ins Leben gerufen, das dieses Manko beheben soll. Die Vereinigung „NutriBiotech“ umfasst mittlerweile Unternehmen aller Größenordnungen aus ganz Italien, um Sensibilisierungsarbeit zu leisten und ein Netz an Kontakten zu Universitäten und Forschungsinstituten sowie zu Krankenhäusern, Kliniken und anderen Gesundheitseinrichtungen zu knüpfen.

So ist es also nicht auszuschließen, dass eine Revolution auf dem Lebensmittelmarkt von Bozen aus startet. Und wenn’s schon keine Revolution gibt, dann doch ganz neue Impulse auf dem functional-food-Markt: Und auch dafür können sich zwei kleine Biotech-Unternehmen in einem kleinen Land sehen lassen…